In everyone’s life, at some time, our inner fire goes out.
It is then burst into flame by an encounter with another human being.
We should all be thankful for those people who rekindle the inner spirit.
(Albert Schweitzer)
Es gibt zwei Möglichkeiten mit Zügen zu reisen. Entweder man erlebt die Reise bewusst, blickt aus dem Fenster, verliert sich in vorbeiziehenden Landschaften, beobachtet sich oder andere in der Spiegelung der Scheibe, sinniert über die Architektur winziger Bahnhofsgebäude und spürt ganz sachte die Bewegung unter Sitz und Füßen, oder man versinkt, im Schlaf, in Zeitungen, in Büchern, im Gesicht des Gegenübers. Man ist dann nicht da. Nicht erreichbar, nicht lokalisierbar. Eben nicht ganz auf der Welt. Unterwegs.
Sie hatte ihre Reise angetreten ohne sich auf das Ziel zu freuen. Kannte die Strecke, jeden Unterwegsbahnhof, wusste, welche Körperhaltung sich am längsten auf den 90-Grad-Winkel-Sitzen aushalten ließ, stellte daher ihren Koffer unter den Sitz und die Füße darauf. Die Platzwahl war aufgrund der üblichen Parameter „Fenster“ und „andere Seite als beim letzten Mal“ gefallen. Die übrigen drei Sitze waren noch frei, sie hoffte, dass das so blieb, glaubte aber nicht daran. Als sich der Zug in Bewegung setzte, blätterte sie bereits in einer eher unspannenden Zeitschrift, die sich ihr vielmehr als Werbemagazin offenbarte und nur wenige interessante Artikel enthielt. Am zweiten Halt, nur wenige Minuten nach Abfahrt, blätterte sie die erste Seite ihres neuen Buches um. Guter Stil, vielversprechend. Heute also: Versinken. Nicht da sein und Stunden später aussteigen und weitermachen. Sie entschied sich für ruhige Hintergrundmusik und verabschiedete sich mit dem zweiten Kopfhörer im Ohr gänzlich von ihrer Umgebung. Sie wusste selbst, dass das nicht zu ihr passte. Oder doch passte aber ungewohnt war. Sie war Beobachterin, jemand der sah und analysierte. Jemand der erlebte und nachdachte und dann handelte. Oder gleich handelte. Träumen war Zeitverschwendung und Lesen, wenn es nicht dem Informationsgewinn diente, eine Beschäftigung, die sie nie lange gefangen hielt. Im Moment war vieles anders. Selbsterkenntnisse, auf die sie sich sonst als Fakten verlassen konnte, wie ihr unermüdlicher Arbeitseifer, der sich vor langer Zeit mit ihrem Perfektionismus zusammengeschlossen und eine Interessensgemeinschaft gebildet hatte, verloren scheinbar ihre Gültigkeit. Sie hatte das bereits durchdacht, war zu dem Schluss gekommen, dass ihre Lebenssituation gerade vor allem von Unsicherheit geprägt war und sie sich in einer Abwarte-Phase befand (was sie an sich nicht störte, allerdings ihre Planungsfähigkeit enorm einschränkte) und dass das alles wohl irgendwie kausal zusammen hängen müsse. Sie hatte sich entschlossen dieses Abwarten einfach geschehen zu lassen, ohne sich ständig Druck zu machen. Nicht, weil sie es so wollte, sondern weil sie einsehen musste, dass Pläne schmieden im Moment einfach nicht drin war. Sie glich einem Dauerläufer, der sich das Bein gebrochen hatte und nichts anderes tun konnte, als zu warten, bis die Verletzung geheilt war. Und nichts anderes kannte, als zu rennen. Dass sie sich dabei ziemlich verloren vorkam und ihr die wohl nötige Gelassenheit überhaupt nicht inne lag (keine neue, aber eine momentan entscheidende Erkenntnis), dass sich Zweifel und Ausweichmöglichkeiten oder, besser, Fluchtpläne in ihren Gedanken manifestierten, versuchte sie vor der Welt und vor allem sich selbst geheim zu halten. Also Lesen. Wegdriften. Ausschalten. Als ob die Psyche verstanden hatte, was zu tun war.
Als er den Zug betrat, merkte sie nicht einmal, dass dieser gehalten hatte. Erst, als er mit unsicherem Schritt einen Sitz auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges ansteuerte, bemerkte sie ihn im Augenwinkel. Er war jung und wirkte auf seltsame Weise sehr alt, das war das erste, was ihr auffiel und sie daran hinderte sich umgehend wieder dem durchaus spannenden Buch zu widmen. Er trug eine kurze Hose und ein T-Shirt, hatte mehrere Tüten in der Hand und versuchte gerade diese auf dem Sitz gegenüber abzulegen, ohne, dass eine herunter oder etwas herausfiel. Zuletzt legte er die einzelne Chipstüte, Ungarisch, auf die Tüten. Er blickte kurz zu ihr herüber, sie ertappte sich dabei, ihn zu beobachten und fixierte sofort wieder ihr Buch. Er hatte kurze, auf wenige Millimeter rasierte, schwarze Haare und sie war sich sicher, dass er nicht aus Deutschland stammte. Sein massiger, aber nicht wirklich dicker Körper, hatte zitternd auf dem Sitz Platz genommen. Irgendwas stimmte nicht mit ihm, dieses Gefühl ließ sie irritiert auf die bereits gelesene Buchseite starren. Sie konnte nicht sagen was es war, konnte aber aus diesem Grund auch nicht aufhören, ihn zu mustern. Es fiel etwas aus einer weißen Tüte, in der sie bereits mehrere gleichförmige Objekte ausgemacht hatte. Es war ein Wassereis. Braun, Cola. Mühsam beugte er sich hinunter, um es aufzuheben. Es rutschten mehrere nach und da er so abgelenkt war, konnte sie weiter zu ihm herüber starren. Er war sehr langsam und ungeschickt. Sie beschloss, sich einfach wieder auf die Geschichte zu konzentrieren und sich nicht weiter mit ihm zu befassen.
Wenige Momente später hörte sie ihn etwas sagen. Sie verstand nicht, die Umgebungsgeräusche hatte sie ja gegen Musik getauscht. Sie war sich ziemlich sicher, dass er mit sich selbst sprach, da auch er allein in seinem Sitzviereck saß und sie ja offensichtlich nicht zu Kommunikation bereit war. Schublade. Verwirrter Mensch. Vielleicht Drogen. Vielleicht Bier in der Supermarkttüte. Aber Eis? Er sagte wieder etwas. Sie blickte zu ihm herüber und ihre Blicke trafen sich. Nicht in der Mitte des Ganges, sondern direkt vor ihr. Er saß unbeholfen am Fenstersitz auf der anderen Seite des Ganges, Wassereis zu seinen Füßen, einen erwartungsvollen Blick auf dem Gesicht. Sie entfernte den rechten Kopfhörer. Er war kein Umgebungsgeräusch. Er war nicht irre.
„Entschuldigung, haben sie vielleicht eine Tüte?“ Er brauchte ungewohnt lange für diese Worte, die warm und freundlich klangen und nicht ganz akzentfrei von seinen Lippen kamen.
Sie schüttelte reflexartig den Kopf und glaubte ein Seufzen von ihm zu hören, sah aber weiter ein Lächeln. Sie lächelte auch. Blickte vor sich. Dachte nach. Zog den Koffer unter ihrem Sitz hervor, öffnete ihn. Natürlich hatte sie eine Tüte. Sie nahm ihr neustes Kleidungsstück und den Kassenzettel aus einer durchsichtigen Tüte mit Namensaufdruck des Ladens und reichte sie ihm. Sein Lächeln wurde breiter und er blickte dankbar. Während sie den Koffer wieder schloss und erneut unter dem Sitz verstaute, begann er das Wassereis umzupacken. Ganz behutsam und weiter strahlend. „Wollen Sie auch Eis?“ Es war ein ehrliches Angebot, der Versuch ‚Danke‘ zu sagen. Sie verneinte, konnte aber nicht anders, als sich über diese Geste zu freuen und selbst zu lächeln. Er verdiente das irgendwie. Wärme. Er wirkte jetzt eher wie ein Kind. Gut. Geholfen. Passt. Weiterlesen. Nicht reden. Sie wollte nicht reden. Sie wusste, dass er wollte. Nach einer Weile, sie hatten den Kopfhörer nicht wieder benutzt, weil ihr das irgendwie falsch vorgekommen wäre, sah er eine neue Chance. „Chips?“ Sie verneinte. Lächelte aber. Trank einen Schluck aus ihrer eigenen Flasche. „Cola Light?“ Er deutete auf die Supermarkttüte auf dem Sitz und machte Anstalten eine Flasche daraus hervorzuzaubern. Sie verneinte, lachend. Er hatte nun offensichtlich nichts Weiteres im Angebot und blickte aus dem Fenster neben sich. Sie widmete sich wieder dem Buch, konnte aber nicht aufhören, sich über ihn zu wundern. Sich über ihn und über diese Begegnung zu freuen. Nach einer langen Weile des Schweigens, entschied sich doch wieder für Ganzausblendung und Musik. Sie war schon auf halben Weg dieses kleine Ereignis in ihren Erinnerungen abzulegen als er offensichtlich wieder etwas sagte, das sie trotz Musik verstand. „Was studieren sie?“ Nicht reden. Sie ignorierte ihn. Sie wusste nicht genau warum, fühlte sich schlecht dabei und doch besser. Beschützt. Sie wollte nicht reden. Nicht über sich. Und sie traute sich nicht, ihn zu fragen, wer er oder was mit ihm war.
An einem Bahnhof, in einer Stadt, die sie nicht kannte, stieg er aus. Er war vor dem Halt aufgestanden, nicht viel vor dem Halt, so dass sie sich Sorgen machte, ob er es in seinem Tempo rechtzeitig schaffte alle Tüten aufzunehmen und auszusteigen. Sie beobachtete ihn besorgt, bereit aufzuspringen und die Tür aufzuhalten. Als er an ihr vorbeiging, schweigend und nicht mehr lächelnd, sagte sie, so warm es der Klang ihrer Stimme zuließ „Tschüß.“ Er lächelte. Sie blickte seiner Spiegelung in der Scheibe hinterher. Sah die große Narbe am Hinterkopf. Verstand. Vielleicht. Und war dankbar für diese Begegnung.